Die Memnon-Kolosse – Steinerne Zeugen einer vergangenen Welt
Auf der Westseite des Nils, gegenüber der heutigen Stadt Luxor, erheben sich zwei gewaltige Sitzstatuen aus der flachen Landschaft der thebanischen Nekropole. Es sind die berühmten Memnon-Kolosse, die seit mehr als 3.000 Jahren zu den eindrucksvollsten Monumenten des alten Ägyptens gehören.
Die beiden Statuen stellen den Pharao Amenophis III., auch Amenhotep III. genannt, dar. Er regierte während der 18. Dynastie im 14. Jahrhundert v. Chr. und ließ auf der westlichen Nilseite eine gewaltige Totentempelanlage errichten. Die Kolosse standen ursprünglich vor dem monumentalen Eingangsbereich dieses Tempels.
Heute wirken die beiden steinernen Gestalten fast einsam. Von der einstigen Pracht der Tempelanlage ist oberirdisch nur ein Teil erhalten geblieben. Gerade dieser Gegensatz zwischen den riesigen Sitzstatuen und der offenen Landschaft macht den Ort besonders eindrucksvoll.
Die Lage am westlichen Nilufer
Die Memnon-Kolosse befinden sich im Bereich der antiken Stadt Theben, die während des Neuen Reiches zu den bedeutendsten religiösen und politischen Zentren Ägyptens gehörte. Der Nil trennte die großen Tempelanlagen der Ostseite von den königlichen Nekropolen und Totentempeln im Westen.
Während auf der östlichen Nilseite der Karnak-Tempel und der Luxor-Tempel die religiöse Landschaft prägten, entstanden westlich des Flusses zahlreiche Gräber und Totenkultanlagen. Zu ihnen gehören das Tal der Könige und der Hatschepsut-Tempel.
Die Memnon-Kolosse sind daher nicht nur eigenständige Sehenswürdigkeiten, sondern Teil einer weitläufigen historischen Kulturlandschaft.
Amenophis III. – Ein mächtiger Pharao
Amenophis III. regierte ungefähr von 1390 bis 1353 v. Chr., wobei die genauen Jahreszahlen je nach chronologischer Einordnung leicht abweichen können. Seine Herrschaft gilt als eine Epoche großer wirtschaftlicher Stärke, internationaler Kontakte und monumentaler Bautätigkeit.
Der Pharao ließ zahlreiche Tempel, Statuen und andere Monumente errichten. Zu seinen bekanntesten Bauprojekten gehörte der gewaltige Totentempel am westlichen Nilufer von Theben.
Amenophis III. war mit der Großen Königlichen Gemahlin Teje verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn wurde später als Amenophis IV. beziehungsweise Echnaton bekannt, der durch seine religiösen Reformen eine besondere Stellung in der ägyptischen Geschichte einnimmt.
Die Größe der beiden Kolossalstatuen
Die Memnon-Kolosse erreichen heute eine Höhe von ungefähr 18 Metern. Ursprünglich waren sie einschließlich ihrer Kronen noch höher. Jede Statue wurde aus gewaltigen Quarzitblöcken geschaffen und besitzt ein enormes Gewicht.
Die beiden Figuren zeigen Amenophis III. in sitzender Haltung auf einem Thron. Seine Hände liegen auf den Knien, während der Blick nach Osten in Richtung des Nils gerichtet ist.
Trotz schwerer Beschädigungen lässt sich die monumentale Wirkung der Statuen noch immer gut erkennen. Besonders beeindruckend ist ihre Größe im Vergleich zu den Menschen, die vor ihnen stehen.
Der Transport der riesigen Steinblöcke
Die Statuen bestehen aus Quarzit, einem sehr widerstandsfähigen Gestein. Die verwendeten Steinblöcke werden gewöhnlich mit Steinbrüchen im Bereich von Gebel el-Ahmar bei Kairo in Verbindung gebracht.
Der Transport solcher gewaltigen Gesteinsmassen über eine große Entfernung war eine außergewöhnliche technische Leistung. Die Organisation erforderte erfahrene Arbeitskräfte, geeignete Transportwege und eine sorgfältige Planung.
Wie sämtliche Arbeitsschritte im Einzelnen ausgeführt wurden, ist nicht vollständig geklärt. Die fertigen Kolosse zeigen jedoch eindrucksvoll, welche technischen Fähigkeiten die altägyptischen Baumeister besaßen.
Die Darstellungen auf den Thronseiten
Neben den monumentalen Hauptfiguren finden sich an den Statuen kleinere Darstellungen von Angehörigen der königlichen Familie.
Dazu gehören die Große Königliche Gemahlin Teje und die Königsmutter Mutemwia. Die Figuren unterstreichen die Bedeutung der königlichen Familie und ihre Verbindung zum Herrscher.
Auf den Thronseiten sind außerdem Darstellungen der Vereinigung der beiden Länder Ägyptens zu erkennen. Dieses Motiv symbolisiert die Herrschaft des Pharaos über Ober- und Unterägypten.
Der verschwundene Totentempel Amenophis' III.
Die beiden Kolosse standen ursprünglich vor einem der größten Totentempel des alten Ägyptens.
Die Tempelanlage erstreckte sich weit hinter den Statuen und umfasste monumentale Höfe, Säulenhallen, Statuen und Heiligtümer.
Der Tempel war dem königlichen Totenkult Amenophis' III. gewidmet und besaß zugleich eine enge Verbindung zur Verehrung des Gottes Amun.
Von dieser einst gewaltigen Anlage sind heute nur Teile erhalten. Die beiden Memnon-Kolosse gehören zu den bekanntesten sichtbaren Resten.
Warum verschwand der riesige Tempel?
Der Totentempel Amenophis' III. lag in einem Gebiet, das über lange Zeiträume durch Nilhochwasser, Grundwasser und natürliche Veränderungen beeinflusst wurde.
Auch Erdbeben, Materialentnahme und die Wiederverwendung von Bauteilen trugen zur Zerstörung bei.
Ein besonders schweres Erdbeben im Jahr 27 v. Chr. wird in antiken Überlieferungen mit Beschädigungen der nördlichen Kolossalstatue in Verbindung gebracht.
Die einstigen Tempelgebäude wurden im Laufe der Jahrhunderte zunehmend zerstört, verschüttet und teilweise als Baumaterial genutzt.
Moderne Ausgrabungen zeigen jedoch, dass unter der heutigen Oberfläche noch bedeutende Überreste der Anlage vorhanden sind.
Die geheimnisvolle singende Statue
Besonders berühmt wurden die Memnon-Kolosse in der griechisch-römischen Antike durch ein ungewöhnliches Phänomen.
Die nördliche Statue soll nach dem Erdbeben von 27 v. Chr. bei Sonnenaufgang geheimnisvolle Töne von sich gegeben haben.
Antike Besucher beschrieben diese Geräusche als klingende oder singende Laute.
Die Menschen deuteten das Phänomen häufig als Stimme der mythologischen Gestalt Memnon.
Die Berichte machten die Statue zu einer bekannten Sehenswürdigkeit der antiken Welt.
Wer war Memnon?
Der Name Memnon stammt aus der griechischen Mythologie.
Memnon galt als Sohn der Göttin Eos, der Göttin der Morgenröte.
In der griechischen Überlieferung war Memnon ein bedeutender Krieger des Trojanischen Krieges.
Nach seinem Tod soll seine Mutter Eos um ihn getrauert haben.
Die angeblichen Laute der ägyptischen Statue wurden deshalb als Gruß Memnons an seine Mutter bei Sonnenaufgang interpretiert.
So erhielten die ursprünglich Amenophis III. darstellenden Kolosse ihren bis heute gebräuchlichen griechischen Namen.
Wie entstanden die geheimnisvollen Töne?
Für die Geräusche gibt es verschiedene naturwissenschaftliche Erklärungsansätze.
Häufig wird angenommen, dass Temperaturveränderungen nach Sonnenaufgang eine Rolle spielten.
Wenn sich der Stein erwärmte, könnten sich Spannungen in Rissen und Spalten verändert haben.
Auch Feuchtigkeit und Verdunstung werden als mögliche Faktoren diskutiert.
Eine endgültige Erklärung ist nicht gesichert, da das historische Phänomen heute nicht mehr in derselben Form beobachtet werden kann.
Die Restaurierung durch Kaiser Septimius Severus
Um das Jahr 199 n. Chr. ließ der römische Kaiser Septimius Severus die beschädigte nördliche Statue wiederherstellen.
Dabei wurden Teile des oberen Statuenkörpers durch neue Steinblöcke ergänzt.
Nach dieser Restaurierung verstummten die zuvor beschriebenen Geräusche offenbar.
Dies wird häufig als Hinweis darauf gewertet, dass die Töne mit den Beschädigungen und Rissen des Steins zusammenhingen.
Antike Besucher und Inschriften
Die Memnon-Kolosse waren bereits in der römischen Kaiserzeit ein berühmtes Reiseziel.
Besucher kamen teilweise schon vor Sonnenaufgang, um die geheimnisvollen Töne zu hören.
Einige von ihnen hinterließen griechische und lateinische Inschriften auf der nördlichen Statue.
Diese historischen Besucherinschriften sind bis heute wichtige Zeugnisse der antiken Reisekultur.
Sie zeigen, dass die Faszination für die Monumente des alten Ägyptens bereits vor fast 2.000 Jahren weit verbreitet war.
Moderne Ausgrabungen am Totentempel
Seit vielen Jahren untersuchen Archäologen die Überreste des gewaltigen Totentempels Amenophis' III.
Dabei wurden weitere Kolossalstatuen, monumentale Bauteile und zahlreiche Fragmente entdeckt.
Besonders bedeutend sind die Untersuchungen des sogenannten Memnon Colossi and Amenhotep III Temple Conservation Project.
Ziel dieser Arbeiten ist es, die Überreste zu dokumentieren, zu sichern und ihre historische Bedeutung besser verständlich zu machen.
Die Memnon-Kolosse als Teil des UNESCO-Welterbes
Die Memnon-Kolosse gehören zur UNESCO-Welterbestätte „Antikes Theben mit seiner Nekropole“.
Diese Kulturlandschaft wurde im Jahr 1979 in die Welterbeliste aufgenommen.
Dazu zählen neben den Memnon-Kolossen unter anderem das Tal der Könige, der Hatschepsut-Tempel, der Karnak-Tempel und der Luxor-Tempel.
Ein eindrucksvoller Zwischenstopp
Die Memnon-Kolosse lassen sich gut im Rahmen einer Besichtigung der westlichen Nilseite von Luxor besuchen.
Besonders reizvoll ist der Anblick der riesigen Statuen im Licht des frühen Morgens.
Trotz ihrer Beschädigungen vermitteln die Kolosse noch immer einen Eindruck von der Macht und dem Selbstverständnis der Pharaonen des Neuen Reiches.
Die Geschichte des verschwundenen Totentempels und das Rätsel der singenden Statue machen diesen Ort zu einer besonders faszinierenden Station einer Ägyptenreise.